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Die Fabrik Osloer Straße - von der Maschinenfabrik zum sozial-kulturellen Zentrum

1890 zog die Maschinenfabrik A. Roller als eine der ersten Industrieansiedlungen in die Osloer Straße. Während ursprünglich unter anderem Dampfmaschinen und Handmühlen in der Fabrik hergestellt wurden, konzentrierte sich das Unternehmen ab 1870 auf die Herstellung und den internationalen Vertrieb von Maschinen zur Zündholzproduktion. In dieser Sparte avancierte Roller zum viertgrößten Unternehmen weltweit. 1890 zog der Betrieb in die Prinzenallee 24. 

Bis zum 1. Weltkrieg expandierte die Firma und setzte auch nach Kriegsende seinen Erfolgskurs fort. Während des Naziregimes stieg Roller in die Rüstungsproduktion ein und baute unter anderem Maschinen zur Herstellung von Granathülsen. Allein in Berlin mussten während des 2. Weltkriegs fast eine halbe Million Menschen Zwangsarbeit leisten. Auch die Maschinenfabrik A. Roller setzte Zwangsarbeitende in der Produktion ein. Auf einem Sportplatz an der Kühnemannstraße unterhielt die Firma ein eigenes Lager für mehr als 100 Personen. Im Jahr 2005 besuchte im Rahmen eines Gedenkprojekts der ehemalige ukrainische Zwangsarbeiter Nikolai Tandura die Fabrik Osloer Straße.

Trotz Kriegsschäden erlebte die Firma in den fünfziger Jahren erneut einen schnellen Aufschwung. Erst 1953 wurde, nach dem Ende des Koreakrieges, die Produktion wieder auf Zündholzmaschinen umgestellt. 

Infolge der Weltwirtschaftskrise 1974 und dem Aufkommen von Einmalfeuerzeugen geriet Roller in existenzielle Schwierigkeiten. Schließlich wurde – auch aufgrund der veralteten, sanierungsbedürftigen Fabrikationshallen, 1977 das Werk in der Osloer Straße geschlossen. Der Firmensitz wurde nach Berlin-Reinickendorf verlegt und die Fabrik stand zunächst leer. Im Rahmen von Sanierungsplanungen sah die Weddinger Bezirksverwaltung den Abriss vor.  

Eine Gruppe gesellschaftspolitisch engagierter junger Menschen erweckte das Gelände jedoch wieder zum Leben, begann, das Gelände in Eigenregie zu sanieren und Konzepte für inhaltliche Arbeit in der Fabrik zu entwickeln. 1978 gründeten sie als erstes ein alternatives Jugendwohnprojekt unter der Trägerschaft des Bund deutscher Pfadfinder (BDP). Mehrere Räume in der verlassenen Fabrik wurden in diesem Zusammenhang zu Jugend- und Erwachsenenwohngemeinschaften ausgebaut. Nach und nach kamen mehr Mietparteien hinzu. Eine Siebdruckerei eröffnete und vorübergehend waren Bildhauer und ein Schriftsetzerladen auf dem Gelände aktiv. Das Autokollektiv „Autokiste“ wurde gegründet und Musikgruppen nutzten die Keller als Übungsräume. 

Die Bürgerinitiative Putte e.V. zog 1979 ein und baute eine Fabriketage zum Jugendladen aus. 1980 wurde die erste Kulturwoche für den Kiez in der Montagehalle der Fabrik veranstaltet, die während der ersten 15 Jahre für verschiedenste Zwecke genutzt wurde. Spektakulär war die Zwischennutzung der Halle 1980/81 als Winterquartier für das Tempodrom mit seinen Tieren. Unter ihnen befand ich auch ein Elefant, der schnell zum Anziehungspunkt für die Kinder im Kiez wurde. 

1981 zog das Projekt Wohnwerkstatt e.V. in die Fabrik ein, dessen Ziel die berufs- und persönlichkeitsorientierte Qualifizierung benachteiligter Jugendlicher war. Teil des Projekts war neben der Ausbildung der Jugendlichen auch das Zusammenleben mit den Betreuenden. 1982 nahm die Ausbildungswerkstatt Durchbruch e.V. ihre Arbeit auf.

Im März 1982 wurde auch der Verein Fabrik Osloer Straße e.V. zur gemeinsamen öffentlichen Interessenvertretung der Projekte und der Sicherung des Geländes gegründet. Der Verein wurde Dachverband der Projekte und später auch selbst zum Träger von Sozial- und Kulturarbeit. Das Selbstverständnis der Fabrik als Ort, an dem auf Grundlage von Frieden, gegen Faschismus und mit dem Ziel der Emanzipation benachteiligter Gruppen gearbeitet wird, wurde in der Vereinssatzung festgeschrieben. Im Fokus stand die stadtteilbezogene Jugend- und Gemeinwesenarbeit. Nach der Vereinsgründung nahm der damals wöchentlich tagende „Fabrikrat“ eine wichtige Rolle als Koordinationsgremium ein. In ihm waren alle Projekte vertreten und diskutierten Inhalte, Strukturen und Zukunftsplanungen für das Gelände und den Verein. Im Laufe der Jahre wurden aus dem Fabrikrat neue Gremien entwickelt (Vorstand und Geschäftsführung), die bis zur Umwandlung in eine gGmbH im Sommer 2025 verantwortlich die Belange der Fabrik vertreten. 

1985 wurde das Stadtteilzentrum NachbarschaftsEtage unter Trägerschaft des Vereins zur Unterstützung sozial-kultureller Gemeinwesenarbeit gegründet. Im selben Jahr wurde im Dachgeschoss der Fabrik unter Trägerschaft des BDP das Jugendgästehaus Gäste-Etage eingerichtet. 1997 eröffnete in der Montagehalle das Labyrinth Kindermuseum Berlin

Heute sind auf dem Gelände der Fabrik Osloer Straße zahlreiche soziale und kulturelle Projekte sowie kleine Gewerbebetriebe beheimatet. Ziele des Trägers sind nach wie vor die Umsetzung stadtteilorientierter Jugend- und Gemeinwesenarbeit in einer migrantischen Gesellschaft, die Förderung von (politischer) Bildung, Erziehung und Ausbildung, Kunst und Kultur, Jugendhilfe und Empowerment, Inklusion und Diversität. Wir arbeiten intergenerativ, um ein vorurteilssensibles Kennenlernen zu ermöglichen. Zum 1. Januar 2025 wurde die Fabrik Osloer Straße e.V. in eine gGmbH umgewandelt. Die Gesellschaft ist parteipolitisch unabhängig und konfessionslos. Ihre Aufgaben nimmt sie selbstverwaltet und selbstorganisiert wahr. Zuständig für die Weiterentwicklung des Geländes sind nun - neben der Geschäftsführung - eine neunköpfige Gesellschafterversammlung und ein Beirat, bestehend aus Mieter*innen des Geländes.

 

Quelle: Irmer, Thomas (2007), 25 Jahre Vielfalt. Fabrik Osloer Strasse. Von der alternativen Jugendarbeit zum soziokulturellen Stadtteilzentrum, 1. Aufl., Berlin
(5675Zeichen, Stand: 11.02.2026)